Tue Gutes und rede darüber

Herbert Reul, Minister des Innern des Landes NRW, will nach eigenem Bekunden das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat zurückgewinnen. „Beim Thema Sicherheit kann ich beweisen, dass der Staat noch funktioniert,“ so Reul. Sein Weg: Probleme erkennen, Probleme benennen und sie lösen – und zwar schnell! „Dafür stehe ich jeden Tag auf“. Seine Kommunikations-Strategie „Tue Gutes und rede darüber“ zeigte Mitte Mai Wirkung bei den Gästen des Wirtschaftsrats der CDU e.V. in Siegen. Sie bestätigten die Einschätzung von Patrick Berg, Sprecher der Sektion Siegen des unternehmerischen Berufsverbandes: "In der weichgespülten Welt, in der wir uns bewegen, vertritt Reul klare Positionen. Das macht ihn sehr glaubwürdig.“       

Sie können es doch noch - mich positiv überraschen! Die Rede ist von Politikern. Einer von ihnen ist Herbert Reul, Minister des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen. Ihn habe ich am 14. Mai 2019 in Siegen bei der Alfred Wahl KG persönlich getroffen. Geladen hatte der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Wirtschaftsrats der CDU. Reuls Thema: „NRW wird sicherer.“ Der Minister überrascht mich positiv, weil ich das Gefühl habe, dass bei ihm Denken, Sagen und Handeln im Einklang stehen. Nicht erst seit dem Termin des Wirtschaftsrates, sondern auch schon die Monate zuvor. Ich beginne, Reul zu vertrauen und zwar auf einem Gebiet, auf dem der Staat seit Jahren – zumindest gefühlt (!) – im Kontext von Migration, Terrorismus, organisierter Kriminalität, Clan-Strukturen und Co. immer mehr Verluste hinnehmen muss: der Sicherheit nach innen und außen.

Probleme erkennen, Probleme benennen, Probleme lösen

Während der zweistündigen Rede in Siegen geht Reul detailliert auf zahlreiche Probleme der inneren Sicherheit in NRW ein:

  • Fehlende personelle Ressourcen – quantitativ und qualitativ
  • Unzureichende Kräfte-Bündelung und Potenzial-Erschließung
  • Eine Digitalisierung in den Kinderschuhen
  • Ein geringes Eigenverantwortungsgefühl der Bürger
  • Eine zunehmend fehlende Wertschätzung der Einsatzkräfte seitens der Bürger
  • Unzeitgemäße und/oder zu alte Ausstattung/ Instrumente
  • Polizeistationen ohne Wohlfühlfaktor
  • Geringe Mitwirkungs-/ Mitbestimmungsmöglichkeiten der Polizeikräfte
  • Widersprüchlichkeit im Denken der Bürger zum Thema Datenschutz; Beispiel: Kennzeichenerfassung, die die Privatwirtschaft im Rahmen der Maut längst praktiziert
  • Gesetze, mit denen Polizisten oft nicht arbeiten können; Stichwort: Polizeiaufgabengesetz
  • Teils inkonsequentes Verhalten der Polizei, auf die Einhaltung der Gesetze zu bestehen; Stichwort: „0 Toleranz Strategie bei Regelverstößen“ – ganz gleich, ob Hambacher Forst, Clankriminalität oder Geschwindigkeitsüberschreitung
  • Unzureichende Zusammenarbeit mit anderen Bundesländern und Nachbarländern, insbesondere Nachholbedarf beim Austausch von Daten und Wissen
  • Unzureichendes interdisziplinäres, d.h. fachübergreifendes Arbeiten

Und das ist nur ein Ausschnitt aus Reuls Rede-Agenda! 

Reul benennt die Probleme in NRW klar und deutlich und führt vertiefend aus, welche Maßnahmen bereits zur Lösung all der benannten Probleme ergriffen, beziehungsweise auf den Weg gebracht wurden. Dabei bleibt Reul Realist. „Keine unserer Einzelmaßnahmen sind für sich allein genommen eine Wunderwaffe, aber in Summe werden sie – wie Mosaiksteine – dazu beitragen, dass NRW sicherer wird,“ so der Minister. Für mich gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln. Der Minister weiß, dass nicht alle Probleme innerhalb seiner Amtszeit gelöst sein werden, „aber die Bürger werden verstanden haben, dass wir daran gearbeitet und die Sicherheit auch stückweise verbessert haben. Und eins ist sicher: Stattdessen nichts zu tun, hat noch nie etwas gebracht.“

Reul arbeitet mit Hochdruck an der Vertrauensfront

Ich nehme schon länger wahr, dass Reul mit Hochdruck an der Vertrauensfront arbeitet und in Siegen bestätigt er meinen Eindruck: „Wir möchten das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat zurückzugewinnen. Beim Thema Sicherheit können wir beweisen, dass der Staat noch funktioniert. Wir sind aber nur dann glaubwürdig, wenn wir konsistent und konsequent handeln.“ Stimmt! „Vertrauen kann nur dann entstehen, wenn sich ein Mensch oder eine Organisation konsistent, also glaubwürdig verhält und als Glaubwürdigkeit wird das kontinuierliche Übereinstimmen von Meinen, Sagen, Können und Tun verstanden“ (Meißner 2019, S. 154, 155).

Nun ist dieser Grundsatz nicht neu und wenn ich ihn in den Hörsälen der Hochschulen im Rahmen der Vorlesungen zum Krisenmanagement und zur Krisenkommunikation an die Wand projiziere, um den Studierenden nahe zu bringen, dass die Strategie „Tue Gutes und rede darüber“ die Chance birgt, aus Krisensituationen mitunter sogar gestärkt hervorzugehen, nicken immer alle einstimmig. Dabei sind das Erkennen und Benennen von Problemen, ein konsistentes Verhalten im Lösungsprozess und eine begleitende, offene, ehrliche und schnelle Kommunikation – so meine Erfahrung als Beraterin – in der Praxis nicht selbstverständlich, vor allen Dingen dann nicht, wenn der Wille dazu nur bei Einzelnen vorhanden ist. Eine transparente Fehlerkultur ist eher die Ausnahme, anstatt die Regel.

„Eine neue Fehlerkultur“, schreibt Die Welt am 6. Mai 2019

Fehler passieren. Auch bei der Polizei. Doch offen über Fehler zu sprechen, ist leichter gesagt als getan! Fehler werden oft aus Angst vor den Konsequenzen verschwiegen und vertuscht (Czycholl 2017). Damit ein konstruktiver Umgang mit Fehlern überhaupt möglich wird, bedarf es eines von Vertrauen geprägten Klimas. Erst dann eröffnet sich die Chance für Einzelne, Unternehmen oder Organisationen, über Fehler und Probleme zu sprechen, ihre Wiederholung zu vermeiden und aus ihm zu lernen.

„Der schlimmste aller Fehler sei doch, dass man über Fehler nicht offen spreche“, habe Reul laut Die Welt vom 6. Mai 2019 gesagt, als er sich im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Missbrauch von Lügde mit 260 Lipper Polizisten zur Aussprache traf (Stoldt 2019). Ihnen hatte Reul unter anderem die Zuständigkeit im Fall entzogen. Als ihm die Lipper Polizisten eine „Begleit-Rhetorik“ und „Verräter-Vorwürfe“ an den Kopf geworfen hätten, sei Reul in Rage geraten und habe laut Zeugen laut zurückgerufen: „Ja sollen wir denn etwas vertuschen?“

In der Tat kritisiert Reul Fehler und Probleme – auch interne - mit bisweilen schroffer Offenheit, Streitfreude und bildhafter Rhetorik. Darauf angesprochen habe er laut Die Welt im oben genannten Beitrag betont, dass es ihm „um eine gelebte Fehlerkultur gehe und das würde einen öffentlichen kritischen Diskurs einschließen.“

Ich persönlich finde Reuls Kommunikations-Stil erfrischend und seinen Angang zielführend, denn wenn Reul für einen offenen Umgang mit Fehlgriffen motiviert, wenn er fragt, wie man es beim nächsten Mal besser machen kann, dann schaut er ganz im Zeichen einer Verbesserungskultur in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit, und arbeitet nicht nur für den Vertrauenserhalt bei den Bürgern, sondern auch an der Unternehmenskultur des Ministeriums des Innern. Möge es Reul gelingen, beim Thema Sicherheit zu beweisen, dass der Staat noch funktioniert.  Das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat zurückzugewinnen, ist ein gutes Ziel.

 

Quellen:

Czycholl, Harald. 2017. Aus Fehlern lernen. Wenn Probleme vertuscht werden, kann dies ganze Unternehmen in Gefahr bringen. Chefs sollten ihre Angestellten deshalb zu einem offenen Umgang mit Fehlgriffen motivieren. In Die Welt, 07.07.2017, S.17, Rubrik: Management & Karriere

Meißner, Jana. 2019. Grundwissen für Krisenkommunikatoren. Inhaltliche, organisatorische und methodische Hilfestellungen für den kommunikativen Angang von Krisen und Ereignissen mit Krisenpotenzial. In Professionelle Krisenkommunikation. Basiswissen, Impulse und Handlungsempfehlungen für die Praxis. Hrsg. Jana Meißner und Annika Schach, 153 - 169. Wiesbaden: Springer Gabler. Online verfügbar unter https://www.springer.com/gp/book/9783658254285

Stoldt, Till-Reimer. 06.05.2019. Politiker sind keine allmächtigen Supermänner. Online verfügbar unter: www.welt.de/regionales/nrw/article192913857/Herbert-Reul-Politiker-sind-keine-allmaechtigen-Supermaenner.html

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Jana Meissner

Die Juristin Jana Meißner ist Kommunikationsberaterin, Trainerin und Inhaberin von Meissner Communications. Die Kommunikationsberatung ist auf die Beratungsfelder Krisenkommunikation und Issues-Management, strategische und prozessoptimierte Kommunikation sowie die Restrukturierung von Pressestellen spezialisiert.

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