Die Vogel-Strauß-Taktik „Kopf in den Sand“ ist ein Mythos


UN-Generalsekretär António Guterres eröffnet am 2. Dezember die 25. Weltklimakonferenz mit einem eindringlichen Appell und da fällt sie wieder, die Redewendung „Den Kopf in den Sand stecken“. Guterres formuliert: „Wollen wir wirklich als die Generation in Erinnerung bleiben, die den Kopf in den Sand steckte, die herumbummelte, während die Erde in Flammen stand?“ Ich selbst benutze die Redewendung gerne und oft, aber wenn man es genau nimmt – und wir nehmen es genau – dann dürfte es sie gar nicht geben. Denn der, dem man sie zuspricht, zeigt das Verhalten gar nicht! Der Vogel Strauß steckt seinen Kopf nicht in den Sand, weder wenn ihm Gefahr droht noch sonst in seinem Leben. Die Redewendung ist schlichtweg ein Mythos. Der Strauß ist in Wahrheit sogar ein ganz hervorragender Krisenmanager, der zahlreiche Taktiken für brenzliche Situationen parat hat! Was Unternehmen von ihm lernen können, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Wenn Unternehmen, Behörden oder Verbände in Krisensituationen die Augen vor der Realität verschießen, fallen schnell Begriffe wie Straußenpolitik, Vogel-Strauß-Politik oder Vogel-Strauß-Taktik. Die Bedeutung aller drei Begriffe ist gleich – und gleich falsch. Sie geht auf den Mythos zurück, dass die Laufvögel bei Gefahren den Kopf in den Sand stecken. In Wirklichkeit tun sie das gar nicht. Sträuße handeln in Krisensituationen sehr viel taktischer, als es ihrem Ruf entspricht. Schauen wir uns sein Verhalten einmal genau an:  

 

 

Kopf in den Sand stecken: Woher kommt die Redewendung?

Um den Strauß von seinem negativen Image zu befreien und gleichzeitig die Redewendung „Kopf in den Sand stecken“ zu erklären, reichen schon wenige Klicks im Netz. Bei Wikipedia (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kopf_in_den_Sand_stecken) etwa ist zu lesen: „Den Kopf in den Sand stecken ist eine Redewendung und bedeutet so viel wie: Eine drohende Gefahr nicht sehen wollen, die Augen vor unangenehmen Realitäten verschließen oder bestimmte Tatsachen einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen sowie eine bevorstehende körperliche oder geistige unangenehme Arbeit nicht sehen wollen, also glatt zu ignorieren. Bereits im Altertum sagte man dem Vogel Strauß fälschlicherweise nach, dass er seinen Kopf unter die Flügel oder in den Sand stecke, um so einer Gefahr zu entgehen.“

Doch Wikipedia räumt mit dem Mythos auch gleich auf: „Dieses sich immer noch hartnäckig haltende Gerücht geht darauf zurück, dass, wenn Strauße in ihrer natürlichen Umgebung etwas vom Boden aufheben, ihr Kopf durch eine Luftspiegelung nicht zu sehen ist, gänzlich hinter dem niedrigen Gras verschwindet, oder dass sie sich in Gefahrensituationen flach auf ihr Nest legen, um es zu tarnen. Dieses sieht dann aus gewisser Entfernung so aus, als stecke der Strauß seinen Kopf in den Sand.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kopf_in_den_Sand_stecken)

 

 

Flucht, Kampf, Todstellen – Die Krisentaktiken des Straußes

Egal ob Mensch oder Tier, wenn Gefahren drohen, reagieren alle Lebewesen mit den gleichen drei Taktiken: Flucht, Kampf oder sich Totstellen. Die biologischen Stressreaktionen wurden von dem Psychologen Walter Cannon in der sogenannten „Fight-or-Flight“ Theorie zusammengefasst. "Der Mensch ist ein Organismus, der auf Bedrohung durch Flucht oder Kampf reagieren kann. Für Flucht und Kampf braucht der Mensch Energie. So reagiert er auf wahrgenommene (tatsächliche oder eingebildete) Bedrohung durch Aktivierung, Wahrnehmungsverengung und Anspannung." (https://wiki.yoga-vidya.de/Flucht-Kampf-Mechanismus)

Die Grundlage des Flucht-Kampf- Mechanismus ist eine wahrgenommene Gefahr, die auf körperlicher und psychischer Ebene Reaktionen auslöst. Doch nicht alle reagieren gleich. „Manche neigen eher zu Kampf. Sie haben dann auch eine Neigung zu Ärger und Reizbarkeit. Andere neigen eher zum Totstellreflex. Sie geraten unter Stress dann in eine Depressivität und Antriebslosigkeit.“ (Quelle: https://wiki.yoga-vidya.de/Flucht-Kampf-Mechanismus) Laut Sebastian Mauritz von der Resilienz Akademie wird in der Stressforschung zunehmend eine dritte Reaktionsmöglichkeit bei Stress hinzugefügt, die Freeze-Reaktion. Sie kommt dem Sich tot Stellen gleich (Quelle: https://www.resilienz-akademie.com/fight-flight-freeze). Auch diese Reaktion kann in realen Gefahrensituationen hilfreich, gar lebensrettend sein.

Welche der drei biologischen Stressreaktionen zum Einsatz kommt, entscheidet sich binnen Millisekunden. Schauen wir uns einmal an, wie die Handlungsweisen beim Vogel Strauß konkret aussehen:

#1 Flucht: Dass der Strauß zur Gattung der Laufvögel zählt, dürfte bekannt sein. Er kann eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 70 km/h erreichen. „Eine Geschwindigkeit von 50 km/h kann der Strauß etwa eine halbe Stunde halten.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Afrikanischer Strau%C3%9F) So kann der Strauß ohne Probleme vor den meisten Bedrohungen fliehen.

#2 Kampf: Die Beine des Straußes sind lang und muskulös. Zugleich hat das Tier, in der Vogelwelt einzigartig, nur zwei Zehen, die mit Krallen versehen sind. Diese können ganze 10 cm lang sein und dem Strauß auch als Waffe dienen. Tritt er zu, so kann dieser Angriff sogar für einen Löwen tödlich enden. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Afrikanischer_Strau%C3%9F )

#3 Todstellen: Der Strauß beherrscht zudem auch die Taktik des Todstellens. Beim Angriff eines Feindes legt der Vogel den Kopf lang auf den Boden und erweckt so den Anschein, nicht mehr am Leben zu sein. Für mögliche Angreifer ist er so schnell uninteressant, weil er ihren Jagdinstinkt nicht mehr befriedigt.  

 

 

Der Vogel Strauß – Vorbild für Unternehmenslenker

Warum taugt der Strauß – statt Bildnis für Feigheit zu sein - nun als echtes Vorbild für Unternehmen?

 

Grund #1: Jede Taktik hat ihre Zeit

Dass der Vogel Strauß die Taktiken Flucht, Kampf und Todstellen beherrscht, haben wir gerade gelesen. Er begegnet Gefahren mit der jeweils adäquaten Taktik. Sein Überleben, seine Existenz,  sichert er, indem er auf die jeweilige Situation individuell reagiert. Aber gelten diese Taktiken auch in der Wirtschaftswelt? Ein klares „ja“. Es gibt nicht die eine, beste Taktik in Krisensituationen. Flucht, Kampf oder Todstellen – zur passenden Zeit hat jede der drei Reaktionen ihre Berechtigung! Sich dessen bewusst zu sein und die drei Reaktionen passend einsetzen zu können bzw. einzusetzen, ist in Krisenzeiten – wenn es um die Existenz des Unternehmens geht - entscheidend. Was hier allerdings so leicht daherkommt, stellt Unternehmen in der Realität vor große Herausforderungen, insbesondere was die Grundfähigkeit zur Beweglichkeit angeht.  

 

Grund #2: Es kommt darauf an, die Gefahr rechtzeitig wahrzunehmen

Der Strauß bewegt sich in seiner Herde. Dieses Verhalten minimiert das Risiko, Gefahren zu spät wahrzunehmen. Gleichzeitig nutzt der Vogel aber auch die Sinnesorgane anderer Herden. Instinkte, die bei anderen Tieren ausgeprägter sind als bei ihm selbst. Als Krisenmanager würden wir sagen: Der Strauß hat ein professionelles „Frühwarnsystem“ implementiert. Bestenfalls verschaffen sie auch den Unternehmen den entscheidenden Zeitvorsprung, schließlich ist sie – die Zeit – in existenzbedrohenden Lagen ein wertvolles Gut.

Lassen Sie uns also die Redewendung „Kopf in den Sand“ vergessen. Prägen wir ein neues Vogel-Strauß-Bild, denn unser Strauß ist #hellwach!    

Weitere Informationen

  • Lesezeit: 2 Minuten
Jana Meissner

Die Juristin Jana Meißner ist Kommunikationsberaterin, Trainerin und Inhaberin von Meissner Communications. Die Kommunikationsberatung ist auf die Beratungsfelder Krisenkommunikation und Issues-Management, strategische und prozessoptimierte Kommunikation sowie die Restrukturierung von Pressestellen spezialisiert.

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