Virtuelles Praktikum: Geht das? Das geht!

Geschlossene Hörsäle, virtuelle Lehre, Prüfungsausfall und verlängerte Studienzeiten: Für Studierende hatte und hat Corona gravierende Auswirkungen. Und obwohl sich die Lage stabilisiert und die Hochschulen vielfach mit einem Mix aus Präsenz- und Online-Lehre ins nächste Semester einsteigen, bleibt ein Problem: Es gibt aufgrund von Covid-19 viel weniger Praktikumsplätze in Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Sie haben mit den Auswirkungen der Pandemie selbst genug zu tun. Ein virtuelles Praktikum könnte in dieser Situation eine Lösung sein. Doch geht das? „Ja, ein virtuelles Praktikum geht!“, da ist sich unsere feste freie Redaktionsmitarbeiterin Nora Boutrid sicher. Sie hat dazu nicht nur recherchiert, sondern schon selbst ein solches Praktikum absolviert und eigene Erfahrungen gesammelt.

Ein virtuelles Praktikum klingt in diesen Corona-Zeiten für viele Studierende wie ein Lottogewinn: Trotz Pandemie die Praktikumsanforderungen der Hochschule erfüllen, ortsunabhängig arbeiten, flexible Zeiteinteilung, keine Kosten für die Unterkunft in der Nähe des Praktikumsplatzes oder ewig lange Fahrzeiten mit der Bahn und auch noch etwas Geld verdienen. Doch wie gestaltet sich so ein virtuelles Praktikum? Kann man dabei genug lernen? Ist das Modell zukunftstauglich? Und gibt es solche Stellen überhaupt?

Praktika sind den meisten Menschen, insbesondere Studierenden, bereits ein- oder mehrmals im Leben begegnet. Die Meinungen sind geteilt: Manche verfluchen sie, manche lieben sie, aber eins kann niemand bestreiten: Ein Praktikum ist eine Möglichkeit, den Hörsaal gegen das Büro einzutauschen und für eine bestimmte Zeit ein Unternehmen kennenzulernen. Einblicke in eine Branche gewinnen, Erfahrungen sammeln oder die gelernte Theorie in der Praxis anwenden: Praktika sind nicht nur ein Hingucker auf dem Lebenslauf, sie unterstützen Studierende auch bei der Berufs- oder Branchenorientierung.

Die Möglichkeiten scheinen vielfältig: Ob in Form eines Pflichtpraktikums innerhalb des Studiums, als freiwilliges Praktikum oder als Auslandspraktikum, um nebenbei noch Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern. Das klassische Angebot von Praktika ist – so scheint es – auf dem Arbeitsmarkt stark vertreten.

Doch in Zeiten von Covid-19, wo Kurzarbeit oder Personalabbau infolge eines starken Wirtschaftseinbruchs bei vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Realität und Unternehmen sowie ganze Branchen in ihrer Existenz bedroht sind, sind Praktikumsausschreibungen plötzliche Mangelware. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, dass laut Auswertungen des Karriereportals Glassdoor allein in den USA die Hälfte und in Großbritannien insgesamt 64% aller Praktikumsangebote gecancelt worden seien. In Deutschland seien im Vergleich zum Vorjahr rund 47% weniger Praktika ausgeschrieben. Während Bewerbende 2019 noch aus einem Pool von 42.000 offenen Stellen wählen konnten, waren es im Mai 2020 noch ca. 22.500 Angebote. Mit dem engeren finanziellen Rahmen der Unternehmen brechen auch die Praktikumsstellen weg. Fazit: Für Studierende gestaltet sich die Suche nach Praktika schwierig. Obendrein wurden mitten in der Pandemie auch bereits vereinbarte oder angetretene Praktika frühzeitig abgebrochen oder gecancelt. Auch diese Praktikumszeiten hat der Nachwuchs mitunter bis heute nicht nachholen können, obwohl das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) empfiehlt, „eine betriebliche Einstiegsqualifizierung möglichst nicht abzubrechen, wenn der Teilnehmende im Zusammenhang mit der Corona-Krise vorrübergehend nicht im Betrieb beschäftigt werden kann.“ Das BMAS schlägt stattdessen eine „Unterbrechung oder Freistellung unter Fortzahlungen der Vergütung“ vor. Die Empfehlung des BMAS ist gut gemeint, praxisnah ist sie nicht. Fakt ist: Die Büros bleiben leer – manchmal auch schon deshalb, weil alle im Homeoffice sind – und damit steht die Frage im Raum: Welche Lösungen gibt es?

Die Giganten machen es vor

Die Resilienz der Unternehmen und Branchen ist in diesem Jahr besonders gefordert. Wem Märkte und Kunden wegbrechen, wer bewährte Geschäftsprozesse neu denken und eingespielte Arbeitsmethoden und Routinen neu verhandeln muss, der braucht seine kreativen Ressourcen mehr denn je. „Das haben wir schon immer so gemacht!“ wird bestenfalls abgelöst durch: „Lass es uns anders probieren!“ Und für manche Unternehmen galt diese Satz auch in Bezug auf Praktikumsplätze! Denn sie sind ein guter Einstieg, wenn es darum geht, junge Fachkräfte anzulocken. 

Die Giganten machen es vor! Der Online-Händler Amazon etwa bot 8.000 Praktikanten*Innen ein virtuelles Praktikum an und auch das Beratungsunternehmen EY bietet laut eigener Angaben mehr als die Hälfte der 15.000 Stellen virtuell an. Laut eFinancialCareers, einem Finanzportal, sinnieren auch Unternehmen wie JPMorgan, Goldman Sachs oder Point72 über die Etablierung virtueller Praktika. Aber auch der Mittelstand und Unternehmen der Beratungsbranche bieten in Corona-Zeiten virtuelle Praktika – und manche hatten das Modell sogar schon weit vor der Pandemie etabliert – bevor die digitale Lehre und das Homeoffice zum neuen „Normal“ wurden.

Kein 1:1 Konzept

1:1 lassen sich die Konzepte der Präsenz-Praktika allerdings nicht auf virtuelle Praktika übertragen. „Virtuelle Praktika sind in der Beratungsbrache durchaus möglich. Sie erfordern jedoch ein Umdenken aller Beteiligten, veränderte Ausbildungskonzepte, eine hohe Eigeninitiative, sehr viel Kommunikation und praxistaugliche Kollaborationsplattformen, “ so Jana Meißner, Expertin für organisationale Resilienz, Krisenmanagement und Krisenkommunikation. Sie hat als Dozentin an renommierten Hochschulen in Deutschland nicht nur viel Erfahrung mit der virtuellen Lehre, sondern bietet schon seit Jahren virtuelle Praktika an. „Bisher wurden wir für unser virtuelles Angebot schräg angeschaut – auch von Studierenden. Das ist jetzt anders!“, so Meißner.

Checkliste: Virtuelles Praktikum

Die Kommunikation erfordert ein Umdenken. Innerhalb eines digitalen Arbeitstages werden Informationen transparenter und organisierter weitergegeben. Praktikanten*Innen werden so nicht „übergangen“ und werden via Telefon, Mail oder Chat über mehr essentielle Anliegen informiert, die im Großraumbüro eher auf der Strecke bleiben. Zumal auch das praktische Arbeiten durch technische Hilfsmittel enorm erleichtert werden kann: Die „neue Arbeit“ darf nicht in alte, klassische Muster gepresst werden, vielmehr müssen neue Wege etabliert werden, um „gemeinsam allein“ effizient zu arbeiten. Sogenannte „New Work“- Methoden können dabei helfen, innerhalb eines Teams vernetzt zu bleiben, Aufteilungen für Projekte organisiert vorzunehmen oder sich intensiv über Inhalte und Anweisungen auszutauschen. Ein virtuelles Praktikum bedarf in jeglicher Hinsicht viel Vorbereitung. Um dem Nachwuchs ein gut durchdachtes Praktikum und eine wertvolle Erfahrung zu bieten, empfiehlt es sich, die folgenden Punkte im Vorfeld zu beachten.

1. Zeitliche Ressourcen einplanen

Was virtuelle Praktika und ortsgebundene Praktika eint: Beide Formen erfordern zeitliche Ressourcen, Bemühungen und Motivation. Insbesondere Einarbeitungsphasen, aber auch die gute Betreuung während der Praktikumszeit gestalten sich in der Regel arbeitsreich und mitunter auch anstrengend – für beide Seiten. Diese Phasen müssen unbedingt zeitliche Ressourcen zugeordnet werden. Nebenbei läuft das nicht.

2. Regelmäßig und bewusst miteinander kommunizieren

„Communication is key“ – Das ist in den meisten Unternehmen und Betrieben bereits angekommen. Das ortsunabhängige Arbeiten erfordert eine intensivere Art der Kommunikation: Der Nachwuchs darf zuhause nicht „allein“ gelassen werden, Rückfragen an das Team müssen während der Arbeitszeiten möglich und umsetzbar sein. Hier empfiehlt es sich, regelmäßige Telefonate oder Meetings via Zoom durchzuführen.

3. Feedback-Runden fest einplanen

Während des Praktikums sollen Studierende unterschiedliche Tätigkeitsbereiche im angestrebten Berufsfeld kennenlernen, eigene Fähigkeiten erweitern sowie das bestehende Wissen anhand der Praxis überprüfen. Damit diese Zielsetzung gelingt, sind feste Feedback-Runden seitens des Arbeitgebers obligatorisch. Die Verantwortlichen sollten sich für ein Feedback genügend Zeit nehmen – Sei es direkt nach der Erledigung einer Aufgabe, oder als wiederkehrenden Turnus an einem festen Wochentag.

4. Kollaborationsplattformen

Um virtuell als Team zu arbeiten und vernetzt zu bleiben, bietet es sich an, Kollaborationsplattformen als feste Ressourcen einzubauen. Plattformen wie beispielsweise „Slack“ oder „just social“ bieten innerhalb eines Abonnements genügend Speicherplatz, um Dateien zu versenden, Unterlagen zu speichern oder Mitarbeiterverzeichnisse anzulegen. Über Chat-Funktionen wird die interne Kommunikation enorm erleichtert.

5. Personelle Ressourcen

Um den Einstieg für Praktikanten zu erleichtern, empfiehlt es sich, eine feste Bezugsperson festzulegen, die sich um die Praktikanten*Innen kümmern. Die Bezugsperson wird als Mentor*In angesehen und dient als erste Anlaufstelle für den Nachwuchs. Das Schaffen eines Überblicks über interne Projekte und Strukturen des Unternehmens bedarf einer Hands-on-Mentalität aller Beteiligten. Das berühmte „Über die Schulter schauen“ bei Kolleginnen und Kollegen darf trotz virtueller Arbeit nicht fehlen. Vielmehr müssen alle Beteiligten eingebunden werden, um dem Nachwuchs wertvolle Möglichkeiten zur Weiterbildung zu bieten.

6. Materielle Ressourcen

Neben einer detaillierten Vorbereitung der personellen sowie zeitlichen Ressourcen, müssen ebenso materielle Ressourcen im Vorfeld geplant und bereitgestellt werden. Technische Materialien, wie beispielsweise ein funktionierender Laptop, ein Mobilgerät oder ein Headset sind im besten Falle schon vorhanden, dürfen aber keineswegs vorausgesetzt werden. Vielmehr muss ein Unternehmen darauf achten, dass unter gleichen Voraussetzungen gearbeitet wird und niemand innerhalb der Arbeitszeit einen Nachteil erleidet.

7. Geduld

Ein virtuelles Praktikum, so modern und vorteilhaft es auch klingen mag, ist immer noch Arbeit. Praktikanten*Innen werden Fehler machen, Nachfragen stellen und der Lernprozess wird sich an manchen Tagen langwieriger erweisen als an anderen. Kurz gesagt: Die Kommunikation wird mitunter beschwerlich. Geduld und Verständnis wird seitens Arbeitgeber- sowie nehmers vorausgesetzt. Ein virtuelles Praktikum ist für beide Seiten eine neue Erfahrung und muss genauso gemanaged werden. Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut.

 

Der Ausbau der sozialen Kompetenzen

Ein Praktikum dient nicht allein der Förderung theoretischer und praktischer Inhalte. Vielmehr lernen Praktikanten*Innen, sich in ihren sozialen Fähigkeiten und Kompetenzen zu verbessern und persönlich weiterzuentwickeln. Das vermeintliche Fehlen der zwischenmenschlichen Kontakte zu Mitarbeiter*Innen ist dabei oft das erste Manko, dass Kritiker*Innen im Bezug zum Virtuellen Praktikum einfallen. Jana Meißner, die ebenfalls als Dozentin praktiziert, erklärt: „Ebenso wie bei der virtuellen Lehre entstehen auch beim virtuellen Praktikum zwischenmenschliche Bindungen anders als gewohnt. Große Vorteile hat diese Art des Praktikums mit Blick auf die Ortsunabhängigkeit und Flexibilität.“ Innerhalb eines virtuellen Praktikums lernen Studierende, ihre Zeit selbst einzuteilen und Aufgaben eigenständig zu priorisieren. Das mag anfangs vielleicht etwas chaotisch und überfordernd wirken, nach einiger Zeit lernt man aber, selbstständig zu arbeiten und geht selbstbewusster und bemühter mit Aufgaben um. Praktikanten*Innen bekommen so ein Gefühl dafür, wie eigenständiges Arbeiten innerhalb eines Teams funktioniert, was sich Arbeitgeber*Innen wünschen und können sich mitunter auch besser konzentrieren als im Großraumbüro.

Transparenz ist in Zeiten von virtuellen Praktika das A und O: Der Nachwuchs lernt, mögliche Schwierigkeiten schneller zu kommunizieren und eine positive Fehlerkultur entwickelt sich. Ferner verhalten sich Praktikanten*Innen bei Online-Meetings oder Telefonaten konzentrierter. Und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen kann innerhalb eines digitalen Praktikums durch feste Rituale gefördert werden. Durch feste Kaffeepausen am Nachmittag via Zoom, dem morgendlichen Call zur Abstimmung der „To-Dos“ des Tages oder einer Verabschiedung zum Feierabend via Gruppenchat. Ein virtuelles Praktikum kann durch ein Umdenken dem ortsabhängigen Praktikum sehr wohl Konkurrenz machen. Ein virtuelles Praktikum läuft definitiv anders – Dass es jedoch schlechter oder weniger lehrreich ist, ist schlicht weg falsch.

Virtuelles Praktikum – Zukunft oder zwischenzeitliche Überbrückung?

Ob das (nicht ganz freiwillige) Experiment „Virtuelles Praktikum“ zukunftstauglich ist, lässt sich derzeit noch nicht ableiten. Sicher ist, die Arbeit von zuhause gestaltet sich, durch die weggefallenen Individual- und öffentlichen Fahrten, äußerst klimafreundlich. Nebenbei schont ein virtuelles Praktikum schmale Geldbörsen, denn Umzüge in andere Orte bleiben erspart und die meist knappen Gehälter können getrost gespart werden. Zudem fördert die Implementierung eines virtuellen Praktikums die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit. Studierende können ihre Sozialkompetenzen genauso weiterentwickeln wie vor Ort im Büro: Sie lernen, sich in ein Unternehmen zu integrieren, erfahren neue Arbeitsstrukturen und lernen, eigenständig zu arbeiten. Die „Generation Lockdown“ zählt zu den Digital Natives – Sie sind mit der Technologie des Digitalen Wandels aufgewachsen, sind Meister der Anpassung, mitunter oft mit eigenen technischen Ressourcen ausgestattet und können mit klassischen Hosenanzügen in Büros nichts anfangen. Virtuelle Praktika lassen sich zwar nicht in jedem Unternehmen etablieren und sind in einigen Branchen schlichtweg unmöglich, aber die „Corona-Version“ eines Praktikums kann sicherlich als Chance für die wandelnde Arbeitswelt gesehen werden.

Und wer weiß, vielleicht sind virtuelle Praktika nur der „Vorgeschmack“ auf die Arbeit von Morgen.

 

Geschrieben von Nora Boutrid

Feste Freie Mitarbeiterin, Meissner Communications

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Jana Meissner

Die Juristin Jana Meißner ist Kommunikationsberaterin, Trainerin und Inhaberin von Meissner Communications. Die Kommunikationsberatung ist auf die Beratungsfelder Krisenkommunikation und Issues-Management, strategische und prozessoptimierte Kommunikation sowie die Restrukturierung von Pressestellen spezialisiert.

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