R.I.P.: Wie Innenstädte ums Überleben kämpfen und welche Maßnahmen jetzt helfen

Leerstand, Billigketten, Langeweile – Deutsche Innenstädte veröden immer mehr. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess nun weiter beschleunigt. Dem Einzelhandel steht eine Pleitewelle bevor und selbst großen Playern wie dem Modehändler Zara geht mancherorts die Puste aus. „Mir doch egal, ich kaufe sowieso online“, wird so manch einer denken. Doch lebendige Innenstädte gehen uns alle an, denn die Folgen des Gegenteils könnten dramatisch sein.

Deutsche Innenstädte gelten als Sorgenkinder der Kommunalpolitik. Eigentlich sollen sie Orte zum Verweilen sein, der jeweiligen Stadt ein attraktives Gesicht geben und zur Wirtschaftskraft ganzer Regionen beitragen. Immer öfter zeigen sie sich mittlerweile jedoch von ihrer hässlichen Seite. Dreck, Leerstand und erwartbare Filialisten lassen viele Kunden ins Netz abwandern. In den letzten Monaten tat die Corona-Krise ihr Übriges. Jana Meißner, Expertin für Krisenmanagement, Krisenkommunikation und organisationale Resilienz betont jedoch: „Das Sterben der Innenstädte ist nicht erst seit Corona, sondern schon seit Jahren ein brisantes Thema. Mit Corona hat sich die Lage aber noch einmal stark zugespitzt.“

Bestätigt wird diese Einschätzung auch vom Einzelhandelsverband HDE, der gleichzeitig die zu hohen Mieten in Innenstädten beklagt. 39.000 Geschäfte hätten deshalb in den letzten Jahren schließen müssen. Durch die Pandemie werden nun noch deutlich mehr Pleiten erwartet. „Wenn der Handel stirbt, sterben Stadtzentren und damit ein Stück Heimat“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Doch welche Faktoren – wenn nicht Corona alleine – haben überhaupt zu der prekären Situation geführt, in der sich Innenstädte heute befinden?

Innenstädte müssen mehr als nur Geschäfte bieten

Der wachsende Online-Handel hat etwa dafür gesorgt, dass immer weniger Menschen Einkaufsstraßen aufsuchen und durch Geschäfte bummeln. Gekauft wird im Netz, wo Händler ihre Produkte oft günstiger anbieten und zumeist kostenlos nach Hause liefern. Die Innenstadt wird dann verstärkt mit einem Ziel aufgesucht: Der Post – wenn eine Retour ansteht. Stadtentwickler stehen zudem aber auch vor der Herausforderung, mit aus dem Boden sprießenden Shopping-Centern, schließenden Kaufhäusern, zu hohen Mieten für kleine Geschäfte und veränderten Kundenansprüchen umgehen zu müssen. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy erklärt: „Auch heute wollen die Menschen immer noch Flanieren und Shoppen. Eine Innenstadt muss aber auch ein kommunikativer Treffpunkt sein, Erlebnisse über das Einkaufen hinaus bieten und zum Verweilen einladen.“

Lebendige Innenstädte sind das entscheidende Stichwort, doch sie aktiv zu gestalten ist oft nicht leicht. In Dortmund nimmt die Verödung bereits Konturen an. Zwar bleibt die Karstadt-Filiale nun doch erhalten, die Zukunft von Karstadt Sports weiterhin ungewiss. Zara und die Mayersche Buchhandlung haben sich bereits aus der Innenstadt verabschiedet. Weitere Schließungen würden für die Stadt im Ruhrgebiet eine Katastrophe darstellen – und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Was passiert ganz generell mit deutschen Innenstädten, wenn das Leben aus ihnen immer mehr verschwindet?

Acht Thesen zu den möglichen Folgen "sterbender Innenstädte":

  • Innenstädte verlieren ihre Funktion als Treffpunkte für Begegnungen und Nachbarschaftlichkeit
  • Plätze und Straßen, die von Geschäftsschließungen betroffen sind, sind zunehmend verwarlost, verdreckt und vermüllt
  • Der öffentliche Raum wird von anderen eingenommen, darunter Obdachlose, Drogenabhängige und Dealer
  • Leerstand führt zu steigender Gewalt und Kriminalität in Innenstädten
  • Bürger und Geschäftsinhaber fühlen sich in ihrem Umfeld nicht mehr wohl und ziehen weg (was zu noch mehr Verödung in Innenstädten führt)
  • Die Immobilienpreise in Innenstädten sinken und die Wirtschaftskraft ganzer Regionen wird geschwächt
  • Unternehmen und Großkonzerne siedeln sich nicht mehr an, da ihnen das Umfeld nicht adäquat erscheint
  • Die Infrastruktur wird durch immer weniger Publikum zurückgefahren oder nicht mehr modernisiert

Soweit muss es jedoch nicht kommen, betont Resilience-Expertin Jana Meißner. „Die Krise als Chance zu begreifen und Konzepte umzusetzen, die lebenswerte - im Sinne von zukunftsfähige- Städte fördern, zeichnet Resilienz aus“, ist sie sich sicher. Doch was bedeutet das konkret? "Es muss ein Umdenken in den Köpfen stattfinden, um die Angebotsvielfalt in Deutschlands Städten zu erhalten. Dabei ist der Einzelhandel genauso gefragt wie die Politik und Verbraucher“, so Dr. Gerrit Heinemann, Professor für Handel an der Hochschule Niederrhein. Er betont jedoch auch, dass es schon vor der Corona-Krise viel zu viel Verkaufsfläche gegeben habe. „Die Umsätze werden nicht in die Innenstädte zurückkehren“, so Heinemann in Die Welt am Sonntag vom 28. Juni 2020.

Die Innenstadt der Zukunft muss also mehr bieten, als nur Handel und Gastronomie. Denn beide Zweige werden den zunehmenden Leerstand nicht mit Leben füllen können. Doch welche Impulse brauchen Innenstädte, um für Menschen wieder attraktiv zu werden? Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, spricht von „Kleinkunstflächen, Auftrittsmöglichkeiten, vielleicht auch Räumlichkeiten, wo sich Vereine, Verbände, andere treffen können – wo es von Modeschauen bis hin zu Messen alles geben kann.“ Der Präsident des Deutschen Städtetages, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), wünscht sich derweil, dass „wieder mehr Wohnen und Arbeiten” in der Innenstadt ermöglicht werden kann. Und Handelsexperte Boris Hedde glaubt: “Handwerk, Dienstleistungen, Möbel- oder Baumärkte und Lebensmitteldiscounter werden wieder in die Innenstädte zurückkehren.

Ideen für die Innenstadt der Zukunft scheint es zu geben - möglicherweise sind sie noch nicht progressiv genug. Stillstand (und Leerstand) unserer Innenstädte sind jedenfalls keine Option! Sonst können wir sie demnächst begraben.

Weitere Informationen

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Jana Meissner

Die Juristin Jana Meißner ist Kommunikationsberaterin, Trainerin und Inhaberin von Meissner Communications. Die Kommunikationsberatung ist auf die Beratungsfelder Krisenkommunikation und Issues-Management, strategische und prozessoptimierte Kommunikation sowie die Restrukturierung von Pressestellen spezialisiert.

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