Worte an 2017

  • geschrieben von J.Meissner
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Worte an 2017 Meissner Communications Worte an 2017

Liebes Jahr 2017, wirst du so weitermachen wie dein Vorjahr? Mit Terror, Krieg und Cyberangriffen? Mit Populismus und (BR)EXITS? Mit gefälschten Wahrheiten, Hasskommentaren und Fake-News? Mit Naturgewalten wie dem Zika-Virus oder Katastrophen à la Amatrice? Mit einer unbeantworteten Flüchtlingsfrage? Mit Ratlosigkeit bei den großen und komplexen Themen, wie der Zukunft Europas und der Entwicklung transatlantischer Bündnisse? Wirst du mehr negative oder mehr positive Schlagzeilen haben? Befinden wir uns auch 2017 in der Dauerkrise? Sag, 2017, wie werden wir mit all deinen Ereignissen umgehen? Mit all den Geschehnissen, die in Echtzeit 24 Stunden, sieben Tage die Woche direkt vor unserer Haustür stattfinden, weil es in unserer medialen Welt keine Grenzen mehr gibt.

Der ARD-Deutschlandtrend vom 5. Januar 2017, durchgeführt vom Institut infratest dimap, liegt vor. Danach seien die Deutschen trotz ihrer Besorgnis nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen, kommentiert die Ressortleiterin Meinung/Forum Andrea Seibel den Deutschlandtrend in Die Welt vom 6. Januar 2017. Sie seien mehrheitlich nicht in Hysterie und Angst gefangen. Die Deutschen seien im Modus der Ausgewogenheit, des wohltemperierten Beurteilens und der Balance. Stimmt das? Hat das Extreme in Deutschland keine Chance? Liegen die Analysten diesmal richtig? Schön wär’s, doch traue ich der Welt nach Brexit und Trumps Wahlsieg alles zu! Und das ist gut so! Ich erwarte das Unerwartete. Das gehört zu meiner Bewältigungsstrategie für all das Neue in der Zukunft. Ich öffne meinen Blick für Andersdenkende und entkomme meiner kommunikativen Blase, in der ich mich befinde, weil ich mich im realen und virtuellen Leben am liebsten mit Freunden umgebe, die meine eigene Meinung spiegeln.

Auch das von Seidel angesprochene, wohltemperierte Beurteilen – nicht zu verwechseln mit Gelassenheit oder Gleichgültigkeit (!) – erachte ich als erfolgversprechende Bewältigungsstrategie für das Neue in der Zukunft. 2016 habe ich diese Veränderung ebenfalls deutlich wahrgenommen: Weniger Sensationsjournalismus, weniger Mutmaßungen, weniger Panikmache, weniger Aufputschen, weniger Hysterie in den sozialen Netzwerken, dafür mehr Abwarten, Fakten-Checken und Wahrheitsfindung. Beim Amoklauf in München 2016 war das besonnene mediale Verhalten ganz deutlich spürbar. Es ist bis jetzt geblieben. Dieses zarte Pflänzchen, das wohltemperierte Beurteilen im Ausnahmezustand, tut unserer Medienlandschaft und unserer Gesellschaft gut und lässt den staatlichen Institutionen Raum, ihren ohnehin schweren Job zu machen. Das scheint verstanden. Passenderweise erreicht das Vertrauen in die Polizei laut Deutschlandtrend den höchsten Wert seit etwa 20 Jahren.

Außerdem ist das Abwarten bis zur Aufklärung sowieso unsere einzige Chance. Wahrheiten von gefälschten Wahrheiten, Fake News, gezielten Aufregern und Lügen zu unterscheiden, wird DIE große Herausforderung kommender Jahre. Likes, Kommentare und Klicks - Künstliche Resonanz kann längst von Jedermann gekauft werden. Im besten Fall beeinflussen Social Bots die Meinungsbildung, im schlechtesten Fall übernehmen sie die Meinungshoheit. Die Dokumentation zum Thema empfehle ich wärmstens: „ZDFzoom: Alles nur Lüge?“ vom 9. November 2016. Passend ist diese Meldung: „Nach Überzeugung der US-Geheimdienste ließ Russlands Präsident Wladimir Putin die US-Wahl durch Hacker beeinflussen.“ Wahrheit oder Lüge? Klingt wie Science-Fiction, ist aber längst machbare Realität.

Die neue Sachlichkeit, gepaart mit der großen Kompetenz, Quellen zu prüfen und Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden, angereichert mit einem konstruktiven Journalismus, erachte ich übrigens als Chance der traditionellen Medien. Schließlich wird die Welt immer komplexer. Antworten werden nicht einfacher. Meinungsbildung wird zur Herausforderung. Ein Türöffner für Populisten, die mit vermeintlich leichten Antworten eine bessere Welt versprechen. Seit Jahren leiden die traditionellen Medien an Vertrauensverlust, wie das Edelman Trust Barometer 2015 eindrucksvoll belegt. Werden sie es schaffen den Negativtrend zu stoppen? Hoffnung macht mir dieser Neustart 2016: Perspective Daily. Das Online-Medium schreibt Artikel „mit Blick nach vorn“. Es berichtet über Probleme, ermöglicht Verständnis für unterschiedliche Perspektiven, recherchiert Hintergründe und diskutiert Lösungsansätze. Für die Finanzierung des Projekts hatte das Team aus Münster eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und über 14.000 Mitglieder mobilisiert. Konstruktivismus – auch er gehört für mich zu den Bewältigungsstrategien für all das Neue in der Zukunft.

Und da wäre noch was, liebes Jahr 2017: Wie steht es um das respektvolle Kommunikationsgebaren? Haben wir den Kampf bereits verloren? Was in der Realität immer öfter misslingt, scheint im Internet gar nicht erst zu existieren. Werden die dominierenden Internet-Player gemeldete und strafbare Beiträge künftig zufriedenstellend entfernen? Und wenn die sozialen Medien schon mal dabei sind, können sie nicht gleich auch gegen Fake News vorgehen? Würde ein Digitaler Kodex gegen Hasskommentare und Beleidigungen helfen? Braucht es am Ende doch staatliche Regulierung? Brauchen wir Strafen, falls rechtswidrige Inhalte nicht innerhalb einer Woche gelöscht werden? Könnten Schadensersatzzahlungen der sozialen Netzwerke an die Opfer von Hetze etwas bewirken? Zum respektvollen Kommunikationsgebaren kann jeder etwas beitragen! Ich zum Beispiel bemühe mich um Sensibilisierung meiner Kinder für einen verantwortungsvollen Umgang mit Hasskommentaren und Beleidigungen in sozialen Netzwerken.

Liebes Jahr 2017, der irische Schriftsteller George Bernard Shaw hat einmal gesagt: „Wir werden nicht durch die Erinnerung an unsere Vergangenheit weise, sondern durch die Verantwortung für unsere Zukunft.“ So ist es. Die Zukunft liegt in unserer Verantwortung.

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